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…weit gelaufen in Berlin

Erlebnisbericht über den Berlin-Marathon 2009 von Michael Steibert

Es ist 9.00 Uhr, trotz all dem Gedränge im Vorfeld, haben wir die Ankunft in unserem  Startblock, im Gegensatz zu vielen anderen, noch rechtzeitig geschafft. Wir sind einfach über die Absperrung geklettert und haben uns zwischen die dortigen Läufer gequetscht. Eng war das vorher schon. Ich sehe vor mir die Siegessäule und ein schier unüberschaubares Heer von Menschen. Es scheint mir jetzt wie ein Wunder, dass unsere kleine Gruppe noch zusammen ist.

Allmählich weicht die Anspannung der Vorfreude und der puren Lust zu Laufen. Die Freude steht jedem im Gesicht und beflügelt uns alle. Freude gehört zu den wenigen Dingen, die mehr wird, wenn man sie miteinander teilt.

Lange Trainingsmonate liegen hinter mir. Der letzte Test über 35 km beim Deutsch-Französischen Freundschaftslauf hat gut geklappt und spätestens nach dem Halbmarathon vor zwei Wochen (Zielzeit 1:48h), hat sich bei mir der Wunsch nach einem Marathonergebnis < 4 Std. etabliert. Ich bin guter Dinge, fühle mich startklar und in  Block "F" (3:45h) gut einsortiert. Wir haben strahlend blauen Himmel, die Sonne lacht. Was soll da noch schief gehen?

Der Startschuss fällt und es geht los. Die Masse setzt sich langsam fließend in Bewegung, wie der Honig aus dem Langneseglas und kommt dann allmählich in Trab. Wir umrunden die Siegessäule zur Hälfte und laufen in die Straße des 17. Juni ein. Die Straße ist kerzengerade und etwas abschüssig. Jetzt wird das ganze Ausmaß sichtbar und Gänsehaut macht sich breit.   Zig-Tausende Läufer dicht an dicht bis zum Horizont.

Ich überhole den einen oder anderen Läufer und laufe in gutem Tempo (5:30 Min/km) der Gruppe hinterher. Ich höre viel Musik, schaue in die Kulisse und genieße den Lauf zusammen mit den andern. Wir passieren Bundeskanzleramt und Reichstag und treffen frisch und munter auf unsere Schlachtenbummler bei Kilometer 8.  Jubel, Freude und es geht weiter…

Hoppla! Meine Startnummer ist abgerissen. D.h. vorsichtig  laufend die Sicherheitsnadel neu durch das T-Shirt und das nasse Papier stecken und hoffen, dass es hält. Es hält nicht!

Trotzdem immer schön dran bleiben, nicht den Anschluss an die Gruppe verlieren. Nach mehrmaliger Wiederholung dieser Prozedur bin ich schon etwas genervt. Ich ziehe den Brustgurt für die Herzfrequenzmessung aus und spanne ihn über T-Shirt und Startnummer. Das hilft leider auch nur eine kurze Weile. Am Ende ist die Nummer irgendwie dran und ich versuche krampfhaft die Arme vom Oberkörper fernzuhalten. ( …Schonhaltung für die Startnummer).

Wir sind bei Kilometer 18, die Gruppe läuft vor mir. Unsere Rose läuft wie immer elegant und scheinbar ohne Verschleißerscheinungen vorne weg. Mir fällt es jetzt schwer, das Tempo zu halten. Offenbar durch die verkrampfte Haltung breiten sich nun Schmerzen im oberen Brustkorb aus. Zudem geht mir der Sprit langsam aus. Scheint so, als wäre mein Ernährungskonzept der letzten 20 Stunden vor dem Start doch zu spartanisch ausgefallen.

Bei der nächsten Verpflegungsstadion wird erst mal eine Banane vertilgt.

Bei Kilometer 21 sehe ich die Lieben noch mal am Rand stehen und jubeln. Noch gebe ich mich gelassen, aber den Anschluss an die Gruppe habe ich samt Wunschzielzeit aufgegeben.

Ankommen heißt das neue Wunschziel!

Ich bin irgendwo jenseits Kilometer 30, die Schmerzen im Oberkörper werden stärker, ich muss das Tempo noch mal reduzieren. Der Vorderfuß schmerzt zusätzlich, es fühlt sich an, als laufe ich auf dem nackten Knochen. Es ist heißt geworden. Ich habe das Gefühl, meine Kopfhaut hebt sich ab und flattert, und ich fühle mich leicht benebelt (Warnsignale  vom Kreislauf). Ich denke das erste Mal an Abbruch.

So langsam beschleicht mich das Gefühl, das ist heute nicht mein Tag.

Es ist einige Zeit vergangen seit der letzten Banane, die Energie müsste jetzt in den Zellen angekommen sein.  Mir fällt auf, dass ich mich die letzten 15 Kilometer ziemlich autistisch durch Berlin geschleppt habe. Es ist halt schwer, das Ambiente zu genießen, wenn der Körper Dir aus allen Ecken negative Signale sendet. Am Straßenrand sehe ich nun zwei auffallend hübsche Frauen, die die Läuferschar anfeuern. Das werte ich als Hoffnungsschimmer. Vielleicht wird’s doch noch besser heute.

Kilometer 38 Potsdamer Platz. Von unseren Schlachtenbummlern ist niemand (mehr) an dem verabredeten Treffpunkt. Egal, die gute Nachricht ist: Die Schmerzen sind nicht schlimmer geworden. Es geht mir also seit 20 Kilometern gleichmäßig schlecht. D.h. die restlichen 4 Kilometer schaff ich jetzt auch noch, irgendwie.

Nur noch zwei Kilometer bis zur Zielgeraden. An der Ecke sitzt ein alter Mann, sieht mir etwas mitleidig ins Gesicht, steht auf zeigt mit dem Finger auf mich und ruft:

Du schaffst das, da wette ich drauf.

Ich biege auf die Prachtstraße „Unter den Linden“, das Brandenburger Tor ist in Sicht (aber immer noch verdammt weit weg).  Die Zuschauer jubeln, die Samba Bands trommeln, das Ambiente ist großartig. Hier könnte man einen tollen Endspurt laufen, wenn man nur könnte.  Ich teile mir die letzten und allerletzten Schmerzabwehrreserven gedanklich in Portionen  und bewältige auch dieses Stück quasi abwesend. Die Zielmatte liegt 200 Meter hinter dem  Brandenburger Tor und die Zielzeit liegt bei 4:49h, was ich aber erst viel später erfahre.

Aus dem Lautsprecher tönt über den ganzen Platz Frank Sinatra’s Lied „I Did It My Way, Links neben mir kommt eine ältere Frau ins Ziel und bricht direkt in Tränen aus, offensichtlich von ihren Emotionen und den Strapazen überwältigt. Ihre jüngere Begleiterin kümmert sich direkt ums sie.

Das Ziel ist erreicht. Der überwiegende Teil der Schmerzen ist wie weggeblasen, der Rest bleibt wohl noch ein paar Tage. Heute war der Marathon kein Fest.