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Von Michael Steibert
Der letzte Marathon
Amsterdam, 16.Oktober 2011
Sonntag morgen 6:30 Uhr in Amsterdam. Ich stehe im Sommer-Laufdress vor
dem Hotel und teste die Wetterbedingungen. Es ist 6 Grad kalt und
wolkenlos. Die Temperatur soll heute bei stetigem Sonnenschein bis auf
12 Grad steigen. Das sind eigentlich gute Bedingungen für den Marathon.
Es bleibt also bei dünn und kurzärmelig…
Zurück im Hotel, ich hab mal wieder Frühstück pauschal für 15 € gebucht.
Völlig unnötig, denn mehr als eine Tasse Kaffee und ein Stück von dem
mitgebrachten Kranzkuchen traue ich mich ohnehin nicht zu mir zu nehmen.
Andererseits ist das zusammen sitzen im Frühstücksraum mit den Freunden
von der Marathongruppe so etwas wie eine beruhigende Vorbereitung unter
Gleichgesinnten auf das, was kommen wird, und von daher unbezahlbar.
Um 9:30 Uhr sind wir im Olympiastadion eingetroffen. Die Sonne scheint
wie versprochen, nur dort, wo noch Schatten hinfällt, ist es noch ein
wenig frostig. Aus den Lautsprechern dröhnt rhythmische Musik und alles
ist irgendwie in Bewegung. Die Kulisse ist mitreißend, ca. 15000
Läuferinnen und Läufer teilen sich, in Startblöcke aufgeteilt, die
Sprintbahnen rund um das ovale Grün des Rasenplatzes und fiebern dem
Start entgegen. Und schon geht’s los…
Vier Marathons bin ich bisher gelaufen. Die ersten drei mit circa 4
Stunden und 30 Minuten. Nur der letzte war ein Ausrutscher mit
Leistungseinbruch und hat über 5 Stunden gedauert.
Wir laufen eine große Runde durch die abgesperrte Innenstadt und
passieren zweimal mit Jubel unsere winkende Begleitgruppe am
Straßenrand. Es läuft gut, ich bin motiviert und guter Dinge. Ich habe
mich innerhalb der Gruppe bereits nach vorne abgesetzt. Die 10 KM –
Marke passiere ich unter 1 Std. Das sieht heute nach einer Zielzeit
kleiner 4:20 h aus.
Wir verlassen die Innenstadt und laufen an der Amstel entlang. Das
einzige natürliche Gewässer in Amsterdam führt uns hinaus ins Grüne. Ein
stadtnahes Erholungsgebiet, beste Wohnlage, unschwer zu erkennen an den
aufgereihten Villen, deren Bewohner die endlose Läuferkolonne gemütlich
bei einem Kaffee von der Terrasse aus genießen.
Nach 2 Stunden 10 Minuten fliegt die Halbmarathonmarke vorbei. Die
Pulsuhr zeigt eine Herzfrequenz von 160. Füße und Beine schicken die
ersten zaghaften Schmerzsignale, erfahrungsgemäß legt sich das später
wieder.
Bei Kilometer 25 kommt das „Runners World Pacing Team“ mit dem
Luftballon und der Aufschrift 4.15 h vorbei. Da hänge ich mich dran, das
könnte meine Zielzeit werden, aber nach wenigen Kilometern kann ich hier
nicht mehr mithalten. Ich lasse die ziehen und laufe in meinem Tempo
weiter.
Wenig später taucht das nächste Team mit 4.30 h Zielzeit auf. Ich bleibe
dran, aber es ist anstrengend, da zu folgen und ich hänge etwas
hinterher. Mit einem kurzen Aufholspurt setze ich mich wieder hinter den
Ballon, aber letztlich falle ich doch ganz zurück. Der Spaß hat schon
mit den ersten Schmerzen deutlich nachgelassen, aber nun ist er gänzlich
weg.
Bei Kilometer 30 sehe ich die Begleiter am Straßenrand wieder. Adi gibt
mir dankenswerter Weise etwas Cola. In solchen Momenten lernt man die
Bedeutung der einfachen Dinge wieder richtig schätzen.
Bei Kilometer 35 bin ich eigentlich am Ende und setze mich auf den Boden
(ca. 5 Minuten).
Von unserer Gruppe befindet sich nur Eveline noch hinter mir auf der
Strecke. Ich warte ihre Ankunft ab, um mit ihr gemeinsam die letzten 7
Kilometer zu bewältigen (geteiltes Leid ist halbes Leid , oder so
ähnlich …).
Wir erreichen schließlich nach 5 Stunden und 19 Minuten gemeinsam das
Ziel im Stadion und sind glücklich, es bis hierher geschafft zu haben.
Die Ränge sind gefüllt mit Sportlern und Angehörigen, der
Stadionsprecher feuert die ankommenden Läufer an. Es ist eine Atmosphäre
wie auf einem überdimensionierten Schulsportfest. Ich lege mich aufs
Gras und schließe die Augen. Der Schmerz lässt nach, die Sonne wärmt und
ich beginne mein Leben langsam wieder zu genießen.
War das jetzt der letzte Marathon ? Hmm . . .
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